HIMMEL 5 Minuten
AUTOUNFALL 10 Minuten
LILIEN 2 Minuten
THERESE 2019: Der Himmel über mir ist blau, so blau wie der Ozean. Ich rieche sein Salz und plötzlich bricht sich eine Wolke über mir und schüttet ihre nassen Tropfen auf meinen Kopf. Ich fühle die Kälte , die über mir hereinbricht und schmecke das Salz des Himmels nun auf meiner Zunge. Jetzt verfärbt sich der Himmel wieder, er wird ganz blutrot und plötzlich wird es Nacht. Ich kann nichts mehr sehen. Die Schatten der eben dagelegenen Wolken legen sich wie Blei auf meine Schultern, ich muss mich hinlegen, sonst würde ich umfallen. Auch das Gras, auf dem ich liege ist nass. Es fühlt sich hart und stoppelig an. Wie ein unrasiertes Männergesicht. Ich blicke weiter nach oben, in den Himmel. Die Tropfen fallen auf mein Gesicht und ich merke, dass auch sie aussehen wie Blut. Ekel steigt in mir auf, ich versuche, sie abzuwischen, aber es geht nicht. Der Himmel schüttert weiter erbarmungslos seine Blutstropfen auf mich und ich rolle auf dem Rasen in eine Kuhle hinein, die
AUTOUNFALL 10 Minuten
MARK 2019: Ich sehe es kommen. Zeitlupe. Starrer Körper, mir entgleitet der Griff am Lenkrad, das Vorderrad blockiert, ich hebe ab, hinten bäumt sich das alte Hollandrad auf und ich fliege kopfvoran durch die Luft, über die Gehwegplatten der Danziger Straße. In mir überschlagen sich Kommandos, ABROLLEN, NICHT AUF DIE GELENKE, ich richte meinen Körper während des Flugs und krache mit den Händen voran aufs Beton. Wie ein Breakdancer fühle ich mich und werde binnen Millisekunden zu einem Ast, der dem Wind trotzt, der seinen Stamm peitscht im Sturm und doch nicht bricht. Dessen Blätter zu krachenden Flächen werden, die dem sanften Gewächs brüllende Schreie entlocken. Ich breche nicht. Meine rechte Hand fühlt sich an wie ab. Ich kann mich nicht bewegen, versichere aber Passanten, dass alles in Ordnung ist. Stehe auf, nehme mein Rad, schiebe. Schock im Hirn. Alles gut, nichts passiert, pulsiert es in mir. Die Straße, die Bahn, die Autos sind Requisiten meines Bühnenbilds. Ich schreibe hier das Drama, mit der Tinte meines Lebens auf dem harten Papier der Unberechenbarkeit. Ritze diesen Tag in einen Stein, ich bin ein Steinmetz der Erfahrung. Dieser Tag wird begraben. Tief unter der Erde liegt er nun. Still. Atemlos und matt. Dunkel. Oben der Stein. UNVERGESSEN steht dort in Marmor, als hätten Kufen aus Stahl Buchstaben in den Stein geschlagen. Meine Hand ist dick. Angeschwollen. Ich kaufe ein Wassereis in dem Eckspäti, kaufe ein zweites und ein drittes. Halte sie auf meine Linke. Die Eise weichen auf, dann kann ich sie um meine Hand wickeln und schiebe das Rad weiter
THERESE 2019: Mein Maserati biegt um die Ecke und knallt gegen einen Baum. Es zischt und dampft und riecht nach verfaultem Gummi. Meine Hand ist zwischen dem Lenkrad und dem Fahrersitz eingeklemmt. Das Blut läuft in meine rechte Hand und staut sich. Es tut weh. Ich merke, wie ich den Baum durch die Scheibe kaum mehr erkennen kann, ich kämpfe mit meinem Bewusstsein. Der Baum leuchtet und schwingt friedlich im Sommerwind. Ich höre Vögel singen, es ist eine immer gleiche Melodie , drei hohe Töne. Lieblich, süß, zärtlich hört sie sich an. Das Licht um mich wird matter, es schließt mich ein und bedrängt mich. Ich will aus dem Auto raus, aber ich bin eingeklemmt. Der Fahrtwind war so schön auf meiner Haut. Ich fühlte Freiheit und Liebe.Die Vögel singen immer noch , ihr Lied wird jetzt dunkler. Ich schmeck jetzt Blut in meinem Mund, metallen und kalt. Das Leder vom Autolenkrad fühlt sich weich an. Ich streichen es mit der gesunden Hand. Die Kuh, die es mal gehört haben muss, hieß Emma. Sie roch nach Heu und Wiese. Ich sehe sie plötzlich vor meinem Auto stehen sie guckt mich an und ich spüre mein Herz rasen, ich bin aufgeregt und freue mich. Ich sehe den Baum und die Kuh und das Lenkrad und schmecke das Metall in meinem Mund . Meine Füße liegen unter dem Pedal, ich kann sie bewegen und sie tanzen ein bisschen zu dem Lied der Vögel. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, ich höre eine Frauenstimme, eine samtige. „Es wird alles gut“ sagt sie flüsternd. Mein Arm wird aus dem Griff des Lenkrads befreit und ich spüre, das Blut wieder in meinen Körper laufen. Es riecht noch immer nach verbranntem Gummi und Feuer. Mein Arm tut immer noch weh. Er fühlt sich auch wie Gummi an. Er schlackert. Er lässt sich verbiegen. Er ist so weich. Meine Augen werden schwerer und fallen zu. Ich sehe den Baum hinter meinen geschlossenen Augenlidern vor mir, wie er sich biegt und sich das Licht bricht. Es wird schwarz um mich herum.
LILIEN 2 Minuten
MARK 2019: Süß und lüstern duftet der Raum. Viel Moos und honigartiger Fluss im Mund. Es wabert und lähmt, da lockt der Kelch, da locken die Kelche wie Sirenen. Ich höre ihren süßen Dreiklang, wie er atmend mein Ohr umflutet und an mir hinabgleitet. Es perlt und cremt und lullt und küsst mich. Samtener Hauch aus Chili-Leder. Meine Lippen
THERESE 2019: Es stinkt. Die weißen Kelche sondern ihren moschushaften samtig-bedrängenden Geruch aus und meine Nase juckt. Ich will weg von ihnen gehen. Sie sehen aus wie zusammengefaltete Servietten. Weiß und rosa leuchten sie und strahlen in der Frühlingssonne. Ich schütte Wasser auf sie, auch in ihre Kelche, Licht bricht sich darin, der Duft nimmt ab. Ich zupfe ein Blatt ab und lege es auf meine Zunge. Es schmeckt gold. Aber