Ein paar Fragen zum Deutschsein ...

Deutschsein – ein großer Container an Assoziationen. Grausame Geschichte, herzlose Wissenschaft, Mikrometerpräzision. Verlässlichkeit und Funktion, Wert und Wucht, Sehnsucht, Rausch und Wahn. Übermaß, Anmaßung, Herrenrasse und Gartenzwerge. Zarathustra und der Rauhhaardackel. Gelsenkirchener Barock und Albert Speer. Trivialste Gossenunterhaltung mit derbem Schenkelklopfhumor ohne jeden Tiefgang an einem Ende, am anderen: erhabene Hochkunst ohne Sinnlichkeit und ohne jeden Humor. Angst vor Emotion. Belehrung statt Berührung. 

Im Berliner Ensemble hatte ich die Freude, bei der Brechtgala 2006 mitzuwirken. Da schmiss sich die Italienerin Milva so dermaßen leidenschaftlich in ihre Interpretation von „Surabaya-Johnny“, dass nur wer kein Herz hatte, nicht weinte. Und die deutsche Brechtexpertin Gisela May sang „O Falladah die du hangest“ mit erhobenem Zeigefinger. Die eine wollte erlebbar machen, die andere etwas verdeutlichen. Amerikanische Darstellung in vielen Filmen: der deutsche als seelenloser sadistischer Nazi oder vom Wahnsinn gepeitschter Wissenschaftler. Mengele und Einstein. 

Welche popmusikalischen Exporte schaffen den Transfer in die Weltöffentlichkeit? 

* Trio mit Dadada 1982 

(Skurriler Nonsens mit heiligem Ernst vorgetragen) 

* Rammstein 

(Martialische Karikatur des Ariertums in Performance und Sound) 

* Kraftwerk 

(Computergerechnete Klänge und von Ausdruck befreite Melodien, Wegbereiter der elektronischen Marschmusik, die auf der ganzen Welt die Clubs dominiert) 

Schubert wird vielleicht missverstanden: im vergangenen Jahr hat das Ensemble Resonanz mit dem Schauspieler Charly Hübner eine Fassung der Winterreise auf die Bühne gebracht. Ich habe mit Charly an der Einstudierung gearbeitet, wir haben uns auf die Suche nach dem Affekt hinter der Partitur gemacht und versuchten, die aufrichtige Emotion freizulegen, die sich dem Hörer im kunstvollen Vortrag des Konzertsängers nicht erschließt. Zumindest nicht dem ungeschulten. Ist beim Weg vom Schreibtisch Schuberts zum Konzertsaal die Wucht verlorengegangen? Ist an die Stelle empathischer Berührung die wertende, prüfende Betrachtung getreten? 

Wer traut sich heute, moderne Musik zu beurteilen, ohne sich an das Renommee des Komponisten zu halten? Ist die Angst, etwas nicht verstanden zu haben, größer als das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung? Wieviel Blendwerk gehört zur Kunst? 

Goethe hat seinem Theaterdirektor in Faust 1 in den Mund gelegt: 

„Bunte Bilder, wenig Klarheit, viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit – so wird der beste Trank gebraut, der alle Welt erquickt und auferbaut.“ Wieviel Irrtum hat heute Platz in der Hochkultur? Darf man komponieren ohne zu wissen, was die Musik genau bedeutet? Musik ist doch nicht Journalismus und Töne keine Worte, gibt es eindeutige Aussagen überhaupt in der Musik und machen sie Spaß oder bringen irgendeinen anderen Gewinn oder sind sie Kitsch? Lässt sich das Erhabene mit dem Trivialen verbinden? Wir sind als private Menschen doch auch mehrmals am Tag zwischen Niedrigem und Hohem hin- und hergeworfen und kaum ein Feingeist, der nicht hin und wieder Pornos guckt, kein Grobian, der keine Sehnsucht nach Zärtlichkeit kennt, kein Hauptschüler, der nicht von der Leuchtkraft der Mathematik berührbar wäre und kein Jurastudent, der die Verlockung des Gesetzesbruchs nicht kennte. 

Ist die Trennung von Ernst und Unterhaltung deutsch? 

Brauchen wir die Absicherung prüfender Instanzen, die für uns die Einordnung in Qualitätskategorien übernehmen? Wie Kinder, die ihre Eltern als Leuchttürme brauchen? 

Gibt es deutsche Musik? Schenkt sie Hoffnung, Trost? Stellt sie das Grauen dar? Warnt sie? Nimmt sie in den Arm, schlägt sie zu, lacht sie aus oder jammert sie rum? 

Was ist, wenn sie stolz klingt? Darf sie einfach Freude machen oder ist sie dann seicht? Kann sie für sich stehen oder bedarf sie eines Programmhefts mit klugen Worten verstorbener Geistesgrößen?

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