Liebe Freundin, lieber Freund,,

herzlich Willkommen in der Musik ist Liebe-"Sekte". Ich weiß – Freundschaft ist ein großes Wort. Aber: in meinen Konzerten fühle ich eine Verbundenheit, die mir Liebesvokabular nahelegt. Oft habe ich auf der Bühne das Gefühl umarmenden Vertrauens und bilde mir ein, nichts zurückhalten zu müssen. Gleichzeitig bin ich mir natürlich der Distanz bewusst, dass wir uns eigentlich fremd sind. Und dennoch: Im Augenblick der Verschmelzung durch Musik und Sprache erlebe ich Existenzielles, das mich glücklich macht und wofür ich danke. Das Gleiche empfinde ich in der Arbeit im Theater: die Begegnung schafft den Klang.

Neodramatischer Hypersurrealismus 

Habe nun, ach! hunderte Lieder geschrieben, versucht, alles richtig zu machen, formale Strukturen zu fühlen und zu erfüllen. Habe Schlager, Chansons und das Great American Songbook, Schubert und Mahler, Tom Waits und Käptn Peng studiert. Das ist ja alles hochinteressant. Im September nehme ich ein neues Album auf: nun keimt in mir ein deutliches Pflänzchen; es will in alle Richtungen wachsen, will Erzähldichte und Melodien, die Dir die Mütze wegfegen, Texte, die aus dem Nichts kommen und unter der Haut nicht aufhören, Klänge, die nach Oper schmecken, aber den Orchestergraben sprengen. (Bevor ich zu arbeiten beginne, schreibe ich immer erstmal den Pressetext.)

Das nächste Album 

Mit LIEDER FÜR DEN SPÄTEN ABEND habe ich mir den Wunsch erfüllt, ein Werk in einer Farbe zu malen – ich wollte unbedingt, dass diese Platte "funktioniert", dass sie zum Dinner gehört werden kann, dass sie eine romantische Begegnung begleiten und begünstigen kann. Viele würden solche Anlässe mit Billie Holiday, Sinatra, Chet Baker oder der Starbucks-Dinnerjazz-CD feiern und ich wusste, dass die Hürde für so etwas auf deutsch hoch sein würde. Darum habe ich auf Reizworte verzichtet, die die Intimität eines Abends bei Kerzenlicht beschatten könnten: keine Privatinsolvenz, Ausnüchterungszellen, nichts über den Dschihad oder Locker Room Talk. Mich würde interessieren, ob das gelingt. Schreibt mir gern Eure Erfahrungen mit den Liedern für den späten Abend in den Kommentar unten – es bleibt ja unter uns.

Fürs nächste Album steht mir der Sinn nach Abwechslung! Ich liebe die große Bandbreite, den weiten Horizont und scheinbare Gegensätze. Das Triviale soll seinen Platz haben, so wie das Erhabene. Das Vertraute, das Fremde. Die Etikettenworte Schlager, Pop und E-Musik dienen als Köder, aber ich suche fließende Bewegung zwischen ihnen. Ich denke, dass ich im Frühjahr die ersten Skizzen vorzeigen kann und bin gespannt, ob diese Idee Freunde findet. Was meint Ihr?
Hier ist schonmal ein Bleistiftentwurf aus der Eisenbahn:
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SCHWARZES BRETT

Öffentliche Bekenntnisse, Verherrlichungen, Fragen, Links, anonyme Beleidigungen, gereimte Liebesbriefe, wüste Beschimpfungen.

108/19/2017 by Annika
Hier ein Photo, das Musik ist Liebe-Mitglied Mario M. Klecker in Bremen gemacht hat. Es zeigt einen beseelten, glücklichen Sänger nach einem heißen Abend mit einem sehr sexy Publikum.
Danke, Mario!

Hier ein Photo, das Musik ist Liebe-Mitglied Mario M. Klecker in Bremen gemacht hat. Es zeigt einen beseelten, glücklichen Sänger nach einem heißen Abend mit einem sehr sexy Publikum. Danke, Mario!

SLOW MOTION MUSIC

Ich liebe es langsam. Wenn die Zeit träge wie Honig durch die schweren Finger rinnt, wenn jede Silbe zu einem Objekt im Raum wird, das liebe ich. Und experimentiere mit Untertempi. Hier ist für Euch Autumn Leaves, sooooo slow...

AACHEN, MEINE GESCHWISTER

Im Dumont, diesem glitzertapetigen Sündenglückstempel in Aachens Zollernstraße, deren Bushaltestelle "Normaluhr" heißt, floss am 4. Dezember die Zeit in Slow-Motion. Zwei satte, gute Konzertstunden mit einem so herzensoffenen Publikum, das seine sexuellen Phantasien mit mir teilte und mich so vertrauensvoll empfing, dass ich meine familiären Gefühle nur mit Verbrüder- und Verschwesterung ausdrücken kann. Danke! Hier ein Ausschnitt des in der Pause geschriebenen Lieds:

"SCHNUPPER MAL AN WUPPERTAL",

dachte ich mir und folgte einer Einladung zu einem spektakulären Privatkonzert in einer Villa in der Viktoriastraße. Am hundertjährigen Duysenflügel durfte ich alle meine Lieder singen und feierte mit einer internationalen Gästeschar bis der Morgennebel über den Auen lag. Erstmals konnte ich meine im Sommer beim Italienischkurs erworbenen Vokabeln anwenden, als ich den Gästen aus Rom das Lied Annabella Totale erklärte. Ein wunderbarer Abend weit über dem durchschnittlichen Champagnerspiegel in herrlich moosigem Luxusduft. Danke, Wuppertal, Euch mag ich gerne riechen!

DANKE, BREMEN!

Was für ein berauschender Abend! Im ausverkauften Weincafé Engel am 7. November: ich habe es geliebt, für Euch zwei Stunden ohne Pause zu singen und zu spielen. Ihr habt mich bei einigen Uraufführungen dabei wohlwollend durch die Nacht getragen. Das war die Bühnenpremiere von HEXEN, ICH MACH ES JETZT, ALLEIN UND FREI und ICH FEIER NICHT. Alle Lieder habe ich im vergangenen Jahr geschrieben, als ich mich dem Vorsatz beugte, sechs Monate lang jeden Tag ein Lied fertigzuschreiben und als Video zu veröffentlichen. Die meisten Texte sind auch unter LIEDTEXTE schon geparkt, falls Du lieber liest als hörst.
Hier ist ein kleiner Ausschnitt aus ZWISCHEN GESTERN UND HEUTE:
 

MEIN LEBEN
Ich habe begonnen, aufzuschreiben, was ich nicht vergessen will. Nach und nach veröffentliche ich hier die Kapitel. 

1981 MUSIK IST LIEBE

Der 11. März 1981 ist ein besonderer Tag. Ein Vierteljahr vor meinem 13. Geburtstag verändert sich die Welt: angeleitet von einer ausführlichen Anleitung in der Beratungsrubrik “Dr. Sommer” des Jugendmagazins ‘Bravo’ habe ich meinen ersten Orgasmus. Ich bin darüber so aufgeregt und aufs Angenehmste erschüttert, dass ich die ganze Nacht aufbleibe und dem Klang dieser Glücksexplosion nachlausche. Als ich am nächsten Morgen in die Schule gehe, bin ich jemand anders, der Trott, die Demütigung des Alltags, der Lärm, unter dem ich sonst so litt – all das tritt vor einem gelassenen erwachenden sexuellen Selbstverständnis in den Hintergrund. Ich betrachte mich in aller Ruhe im Spiegel und sehe in meinen Augen Kraft und Zuversicht – zuvor war ich ein Niemand: beim Fußball rannte ich vor dem Ball weg, im Unterricht schwieg ich meist und wenn ich alleine war, erzählte ich mir Geschichten. Ich stand also bestenfalls in der dritten von vier Reihen, beliebtheitsmäßig.   
Dieses Kapitel ist vorbei. Als meine Mutter vier Jahre zuvor mit mir zu ihrem damaligen Freund zog, der eine 13-jährige Tochter hatte, tat ich alles, um von dieser in meinen Augen erwachsenen Frau und ihrer Clicque akzeptiert zu werden. Sie hatten mich als kleinen Halbbruder am Bein und wären mich lieber losgewesen, also hatte ich um ihre Gunst gekämpft: ich imitierte ihre Sprache und las mir in den alten Bravos der Älteren die Theorie an – ich wurde Experte in Liebesangelegenheiten. Der große Durchbruch meiner frühen wissenschaftlichen Karriere kam mit einer Kiste Herrenmagazine, die ich auf dem Sperrmüll fand, in der sich auch das Buch “The Joy of Sex” befand. Diese Unterlagen studierte ich wie ein ruheloser Sinnsuchender religiöse Schriften: Verführungstipps aus dem Playboy, Tantrageschichten und Anleitungen zu Superorgasmen. Irgendwann ließ ich meine Kenntnisse durchblicken, deren leuchtende Präzision den Erfahrungshorizont von Michaela und ihrer Clicque weit überstrahlten. Das verschaffte mir einen gewissen Respekt, auch wenn ich von Sex soviel verstand wie Karl May von den Indianern.   

Das neue Lebensgefühl lässt in mir den Wunsch nach körperlicher Liebe zu einem alles dominierenden Drang werden: mein Körper bebt in Bereitschaft, ich kenne mich aus und habe eine etwas künstliche Vorliebe für altmodische Umgangsformen: ich sieze Mädchen und gebe mich romantisch. Keiner amourösen Gelegenheit gehe ich aus dem Weg und sagt mir jetzt jemand, dass es noch mehr als drei Jahre dauert, bis ich mich in vollendeter geschlechtlicher Lust verliere, verliere ich den Lebensmut.   

Die anderen haben ihren Sport oder ihre christlichen Jugendgruppen und überhaupt “Freizeit” – ich habe meine Leidenschaft und sonst fast nichts, doch die macht sich selbständig: mein Vater kommt regelmäßig zu Besuch, ein charismatischer Lebemann, der Klavier spielen kann. 12 Jahre lange war mir dieser Kasten gleichgültig, jetzt will ich ihn: mein Vater kann nur ein paar Stücke spielen, diese aber wirkungsvoll. Das C-Dur-Präludium von Bach, den St.Louis-Blues, Ray Charles „What ‘d I say“ und einen namenlosen Boogie. Damit fangen wir an, er zeigt mir die linke Hand, eine einfache klischeehafte Bassfigur, die ich solange übe, bis sie nach Musik klingt. Dann die Rechte: ein immer gleicher Akkord, der abwechselnd mit den Basstönen angeschlagen wird – das ist Musik! Ich kann auf einmal Klavier spielen und bin unheilbar infiziert. Bald lerne ich auch die anderen Stücke, ich nehme meinen Vater auf Kassette auf, spiele alles nach und durchschaue sein „System“. Er sagt mir zwei Dinge: “Halt das Tempo und spiel mit Gefühl.”   
Die Eltern kümmern sich folgerichtigerweise um Klavierunterricht, ich werde zur “besten Klavierpädagogin Bremens” bestellt, wie es hieß. Eine grau wirkende Dreißigjährige empffängt mich in ihrem Dachzimmer, im Wandregal steht der “Spiegel” in Jahrgangsboxen. Sie setzt mich ans Klavier und zwingt mich, die Hände so auf die Tasten zu legen, dass sich die beiden Daumen beim mittleren C berühren. Dann soll ich mit der Rechten Finger für Finger hoch und runter spielen und das Gleiche mit der linken spiegelverkehrt tun. Dabei sollen die Füße neben den Pedalen ruhen, der Rücken gerade sein und nur die Finger dürfen sich bewegen. Ich sehe das anders und zeige der Expertin, was ich schon kann. Sie wird aggressiv und schlägt mir die Hände vom Klavier, teilt meiner Mutter mit, dass die Musik für mich nichts sei.   
Wenn ich sonst über keinerlei Selbstbewusstsein verfüge und sogar zeitweilig wegen Stotterns in Therapie war – ich habe mich für die Musik entschieden und gegen den Unterricht, ich war der Meinung, das würde mir den Stil verderben.   
In der Schule treffe ich Christian Klüver, er spielt Klarinette und kannNoten lesen. Wir hängen nach der Schule ab, spielen Blues, rauchen heimlich und malen Plattencover für die vielen Alben, die wir noch aufnehmen würden.   
Ich erfinde Melodien und spiele auf dem Klavier meine eigenen Kompositionen. Mühsam erarbeite ich mir die Notenschrift, denn ich will Komponist sein. Das ausdrucksstarke und geheimnisvolle Bild handgeschriebener Noten fasziniert mich und außerdem finde ich, diese mysteriöse Fähigkeit würde sich als kontraststarke Bereicherung meines von der Punkmode inspirierten Äußeren gut machen.   

Auf der Nordseeinsel Wangerooge besuche ich meinen Freund Ralf. Wie früher kurvten wir mit unseren Skateboards über die Insel, verschwenden unsere Zeit mit CB-Funk und schleichen nachts aus dem Haus seiner Eltern, um im Mondschein auf dem alten Friedhof abzuhängen, der Gräber von Seeleuten aus dem 18. Jh. beherbergt. Eines Vormittags in der Eisdiele treffe ich Marie-Louise. Sie ist einige Jahre älter als ich, hat ein pinkes Sweatshirt an, ein Dreieck am Ohr und ihre Lippen glänzen. Sie riecht süß wie die Sünde und lächelt mich an. Ich vergesse meinen Freund Ralf und bleibe in der Eisdiele zurück. Wir lauern auf zwei Barhockern gegenüber, erstarrt in erregter Verlegenheit. Die Jukebox spielt Kim Wildes “View from a Bridge” für uns, immer wieder. Als Gino vom Eiscafé schon aufräumt, um bald zu schließen, führt das Schicksal endlich Regie: wir stehen auf und sind uns nah: Marie-Louises Hitze schlägt gegen mein heftig schlagendes Herz und zärtlich finden sich unsere Lippen. Wir pressen uns aneinander und verschmelzen in einem nicht enden wollenden leidenschaftlichen, trunken machenden Kuss.   

Benommen kehre ich zu Ralf zurück, der spüre, dass mit dem Eindringen der Venuskraft unserer Freundschaft der Boden wegreißt. Ich musst am Folgetag ohnehin abreisen, vor der Fähre steckt mir Marie-Louise noch einen Brief zu und hängt mir zum Andenken eine Kette mit einem deutlichen M um den Hals.

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1992 INS HOTEL?

Barpianist im Marriott-Hotel, mein erstes Engagement. Ich gleite über lichtdurchfutete Gänge auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz. Die Absätze von aufregenden Damen, die in Grandezza baden, trommeln kleine Märsche auf den Marmor und laden meine Libido auf. Über mir ein Kronleuchter, der auch Marlene Dietrich gefallen hätte. Ich lasse meine Finger auf dem Flügel parlieren und nehme die Seelen der geschmackvollen Menschen auf, die in samtbezogenen Sesseln hundert Jahre alten Cognac trinken und mit ihren geerbten Füllfederhaltern in Tagebücher mit chamoisfarbenem Papier schreiben. Gelegentlich wirft mir eine glamouröse Schönheit einen Blick zu und nicht selten finde ich mich in ihrer Suite wieder. Wir baden im Strudel ihrer Wollust, die ich durch mein seelenerschütterndes Klavierspiel zum Toben gebracht habe. Am nächsten Morgen finde ich einen handgeschrieben Dankesbrief auf dem Kopfkissen und spaziere anschließend mit einem Lächeln auf den Lippen durch den Bürgerpark. Melodien liegen in der Luft, ich schnappe sie mir und komponiere flugs ein Streichquartett. Im Kopf, natürlich. Es ist alles fertig, irgendwann schreibe ich es auf. Wenn ich Lust habe. 

So habe ich mir das vorgestellt. Aber Hotelbars sind ein Ort, die Träume beschädigen können. Es war in Wirklichkeit nicht ganz so schön und da ich mich weniger als Dienstleister als als künstlerischer Heilsbringer verstand, perlte mir nur bedingt die allumfassende Liebe und Verehrung entgegen, die ich für angemessen hielt.

Mark1992
Und hier das 2. Kapitel:
1984

1984